Gran Carro di Bolsena: das erste Textilfragment aus der Eisenzeit
Aus den Tiefen des Bolsenasees kommt eine Entdeckung, die ein neues Kapitel in der Erforschung des Gran Carro eröffnet, einer der bedeutendsten unter Wasser liegenden archäologischen Fundstätten Mittelitaliens.
Während der jüngsten Forschungskampagnen wurde das erste Textilfragment geborgen, das seit Beginn der Untersuchungen vor mehr als sechzig Jahren an diesem Fundort entdeckt wurde.
Der Fund ist klein, besitzt jedoch einen hohen wissenschaftlichen Wert. Zum ersten Mal kann direkt untersucht werden, was bislang vor allem anhand von Werkzeugen zum Spinnen und Weben rekonstruiert werden konnte.
Das Fragment liefert damit einen konkreten Hinweis auf technisches Wissen, handwerkliche Tätigkeiten und den Alltag der Gemeinschaften, die vor fast dreitausend Jahren an den Ufern des Sees lebten.
e conoscenze tecniche, delle attività artigianali e della vita quotidiana delle comunità che abitarono le rive del lago quasi tremila anni fa.
Das erste Textil nach mehr als sechzig Jahren Forschung
Die Geschichte der archäologischen Untersuchungen am Gran Carro di Bolsena begann 1959, als Alessandro Fioravanti die Fundstätte bei Unterwassererkundungen im See entdeckte.
Seitdem haben die archäologischen Forschungen Strukturen, Keramik, Holzobjekte, Gegenstände aus dem häuslichen Bereich und zahlreiche weitere Funde ans Licht gebracht, die nach und nach ein genaueres Bild der antiken Siedlung ermöglichten.
Ein echtes Textilfragment war bislang jedoch noch nie geborgen worden.
Die Entdeckung stellt daher einen besonders wichtigen Meilenstein in der langen Forschungsgeschichte des Fundortes dar und erweitert unser Wissen über die Gemeinschaften der frühen Eisenzeit, die an den Ufern des Bolsenasees lebten.
Foto da Ministero della Cultura – Soprintendenza Archeologica Etruria Meridionale
Ein Textil, das zwischen den Resten einer antiken Struktur erhalten blieb
Dass organische Materialien aus einer so weit zurückliegenden Epoche erhalten bleiben, ist äußerst selten.
Das Fragment überdauerte fast dreitausend Jahre dank der besonderen Bedingungen seines Fundkontextes. Es wurde zwischen verkohltem Material und eingestürzten Resten einer der Siedlungsstrukturen geborgen.
Die Unterwasserbedingungen trugen dazu bei, ein Material zu bewahren, das unter anderen Umständen im Laufe der Jahrhunderte vermutlich vollständig vergangen wäre.
Der Fund wird nun am Istituto Centrale per il Restauro – Zentralinstitut für Restaurierung (ICR) eingehend untersucht und konservatorisch behandelt. Dabei sollen Zusammensetzung, Herstellungstechnik und Erhaltungszustand genauer analysiert werden.
Bereits die ersten Beobachtungen lassen jedoch eine sorgfältig ausgeführte Gewebestruktur erkennen, die auf ein hohes Maß an handwerklichem Können bei der Textilherstellung schließen lässt.
Was das Textilfragment vom Gran Carro erzählt
Die Bedeutung der Entdeckung liegt nicht nur in der Seltenheit des erhaltenen Materials.
Ein Textil eröffnet einen unmittelbaren Zugang zu sehr konkreten Aspekten des täglichen Lebens: Kleidung, Arbeiten innerhalb der Wohnbereiche, die Organisation handwerklicher Tätigkeiten und das innerhalb der Gemeinschaft weitergegebene Wissen.
Bislang war die Textilproduktion am Gran Carro hauptsächlich durch Werkzeuge und Gegenstände belegt, die mit Spinnen und Weben in Verbindung stehen.
Mit dem Fund des Fragments lassen sich diese Objekte nun erstmals mit dem tatsächlichen Ergebnis dieser Arbeit verknüpfen.
Damit stehen den Forschenden nicht mehr nur die Werkzeuge zur Verfügung, sondern erstmals auch ein Teil eines Stoffes, der vor fast dreitausend Jahren hergestellt wurde.
Weben in den Hütten der Siedlung
Die jüngsten archäologischen Kampagnen haben außerdem neue Hinweise auf Webarbeiten innerhalb der Wohnbereiche geliefert.
Die Untersuchungen ermöglichten ein besseres Verständnis der Struktur eines vertikalen häuslichen Webstuhls, der bereits bei den Forschungen im Jahr 2025 identifiziert worden war.
Das Vorhandensein des Webstuhls innerhalb des Siedlungsbereichs deutet darauf hin, dass die Textilherstellung fest in den Alltag eingebunden war und direkt in den Wohnräumen stattfand.
Das neu entdeckte Textilfragment bestätigt damit ein Bild, das in den letzten Jahren immer deutlicher geworden ist: Am Gran Carro war die Textilproduktion ein fest etablierter und organisierter Bestandteil des Gemeinschaftslebens.
Foto da Ministero della Cultura – Soprintendenza Archeologica Etruria Meridionale
Eine Knochentafel und eine andere Webtechnik
Neben dem Textilfragment brachten die Forschungen einen weiteren besonders interessanten Gegenstand ans Licht.
Im Bereich 1 der Siedlung wurde erstmals am Gran Carro eine kleine durchlochte Knochentafel gefunden.
Solche Objekte wurden beim sogenannten Brettchenweben verwendet. Dabei wurden Fäden durch kleine Öffnungen in den Tafeln geführt.
Durch Drehen und Kombinieren der Tafeln konnten Bänder, schmale Gewebestreifen und dekorative Bordüren hergestellt werden, teilweise mit komplexen Mustern und sowohl für praktische als auch für dekorative Zwecke.
Der Fund ist besonders bedeutend, weil er zeigt, dass innerhalb derselben Siedlung unterschiedliche Techniken der Faden- und Textilverarbeitung angewendet wurden.
Auf der einen Seite stand der große vertikale Webstuhl für die Herstellung von Stoffen, auf der anderen ein kleineres Werkzeug für speziellere Webarbeiten.
Foto da Soprintendenza Archeologica Etruria Meridionale
Immer differenziertere handwerkliche Fähigkeiten
Zusammengenommen ergeben das Textilfragment, der vertikale Webstuhl und die Knochentafel ein deutlich komplexeres Bild, als bislang bekannt war.
Das Weben scheint keine gelegentliche Tätigkeit gewesen zu sein, sondern ein fest in der Gemeinschaft verankertes Wissen, das auf unterschiedlichen Werkzeugen und spezifischen Techniken beruhte.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung der Entdeckungen: Sie ermöglichen es, über die Gegenstände selbst hinauszugehen und die Handlungen und Tätigkeiten der Menschen besser zu verstehen, die in der Siedlung lebten.
Fäden vorzubereiten, einen Webstuhl zu bedienen oder ein Band beziehungsweise einen Stoff herzustellen, setzte Kenntnisse voraus, die erlernt, weitergegeben und im Laufe der Zeit verfeinert wurden.
Foto Soprintendenza Archeologica Etruria Meridionale
Gran Carro: eine Geschichte, die weiter aus dem See auftaucht
Das erste Textilfragment reiht sich in eine Reihe von Entdeckungen ein, die unser Wissen über den Gran Carro di Bolsena in den vergangenen Jahren erheblich erweitert haben.
Im Jahr 2021 trugen die Untersuchungen im Bereich der Aiola zusammen mit der Entdeckung einer seltenen villanovazeitlichen Bronzefigur dazu bei, die kultische und rituelle Funktion dieses Teils der Fundstätte besser zu erkennen.
Foto da Ministero della Cultura – Soprintendenza Archeologica Etruria Meridionale
Im Jahr 2024 wurde im Siedlungsbereich eine weibliche Terrakottafigur entdeckt. Das kleine Objekt bewahrt noch Spuren seiner Herstellung und lieferte neue Hinweise auf Praktiken aus dem häuslichen Bereich.
Foto da Ministero della Cultura – Soprintendenza Archeologica Etruria Meridionale
Im Jahr 2026 fügte die Entdeckung des ersten Textilfragments einen weiteren grundlegenden Baustein hinzu, diesmal unmittelbar verbunden mit Arbeit und handwerklicher Produktion
Es handelt sich um sehr unterschiedliche Funde, die gemeinsam jedoch immer konkretere Einblicke in das Leben der Gemeinschaft ermöglichen, die während der Eisenzeit an den Ufern des Sees lebte.
Ein kulturelles Erbe unter den Wassern des Bolsenasees
Der Gran Carro zeigt, dass der Bolsenasee nicht nur ein bedeutendes Natur- und Landschaftserbe darstellt, sondern unter seiner Wasseroberfläche auch einen wesentlichen Teil der ältesten Geschichte der Region bewahrt.
Die außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen der Fundstätte ermöglichen es Archäologen, äußerst empfindliche Materialien zu bergen und Aspekte des Lebens zu rekonstruieren, die in archäologischen Fundstätten an Land nur selten erhalten bleiben.
Das Textilfragment ist vielleicht eines der deutlichsten Beispiele dafür.
Nach fast dreitausend Jahren ermöglichen wenige Zentimeter Faser einen unmittelbaren Zugang zu Arbeit, Wissen und Alltag der Menschen, die dieselbe Landschaft lange vor der Entstehung der heutigen Stadt bewohnten.
Durch Funde wie diesen erzählt der Gran Carro di Bolsena mit jeder neuen Forschungskampagne weitere Kapitel seiner Geschichte.














